Carl Peters (1856-1918) über Sozialismus und Kolonialpolitik

   

Sein [des Sozialismus] großes Problem, die Hebung des menschlichen Lebensniveaus, die Ausnützung des Sieges, den der Menschen im Daseinskampf mit der übrigen Lebenswelt errungen hat, zur Mehrung seiner Wohlfahrt und Steigerung seiner Kraft, dieses Problem ruht auf nationaler Grundlage; die zu seiner Verwirklichung vorhandenen Kräfte sind national und an die wechselnden Schicksale einer Volksgemeinschaft geknüpft.

Der Sozialismus irrte demnach, wenn er sich vorsetzte, dasselbe nicht für die eigene Nation allein, sondern für die Welt, nicht für die Lebensdauer eines Volkes, sondern für die relative Ewigkeit der Menschheitsentwicklung überhaupt lösen zu müssen.

Dieses Bestreben ist seiner Natur nach hoffnungslos.

Der Kampf um's Dasein wird auf ewig Sieger und Besiegt haben, er wird mit der Schmälerung des Nähr- und Ellbogenraumes für die Individuen stets heftiger werden.

Diesen Kampf durch einen allgemeinen Friedensschluss zu beseitigen, ist ein frommer Wunsch, dem es in der Geschichte wie im Wesen der Menschheit an jeder Voraussetzung fehlt. Was wir dagegen im Folgenden nachweisen möchten, ist die Möglichkeit, in diesem Kampf auf geraume Zeit für eine Nation das Übergewicht zu erringen und auf Grund dieses Übergewichts dieser Nation breitere Lebensbedingungen, reichere Entwickelung und damit eine höhere Stufe geistiger und materieller Kultur zu sichern, als den übrigen. 

Und zugleich hiermit zieht sich ganz von selbst die weitere Folgerung, dass für uns Sozialismus nur die Bedeutung haben kann, mit Anspannung aller Kräfte in vollem Zielbewusstsein und deshalb mit ganzer Rücksichtslosigkeit dieses Übergewicht Deutschland zuzuwenden und damit wenigstens für unsere Zeit und für unser Volk die soziale Frage zu lösen [...].

Die Kolonialpolitik will nichts Anderes, als die Kraftsteigerung und Lebensbereicherung der stärkeren, besseren Rasse, auf Kosten der schwächeren, geringeren, die Ausbeutung der nutzlos aufgespeicherten Reichtümer dieser im Dienste des Kulturfortschrittes jener.

Es ist ein Irrtum, der gerade dem Deutschen nahe liegt und der deshalb um so unzweideutiger zurückgewiesen werden muss, wenn man meint, die Kolonialpolitik bezwecke allein die moralische und materielle Hebung fremder Volksstämme.

Sie soll weitblickend genug sein, um sich diese Aufgabe als ein hervorragendes Mittel zum Zweck zu stellen. Dieser ist und bleibt aber schließlich die rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer schwächerer Völker Unkosten.

aus: Kolonial-Politische Korrespondenz. 2. Jg. Berlin, 9. und 16. Februar 1886